Interview mit Prof. Dr.-Ing. Thomas John
Hochschule Neubrandenburg
„Es geht nichts über den persönlichen Austausch“
Prof. Dr.-Ing. Thomas John, Hochschule Neubrandenburg, gibt nach sechs Jahren den Vorsitz des Fachausschusses 08 ab. Wir danken ihm für sein besonderes Engagement und haben ihm ein paar Fragen gestellt.
Sie leiten seit sechs Jahren den Fachausschuss 08 – Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften und beenden diese Tätigkeit im September. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?
Meine ASIIN-Zeit startete schon im Jahr 1996, als ich zum Professor an die Hochschule Neubrandenburg berufen wurde. Ich begann damals, als Gutachter für ASIIN zu arbeiten und behielt diese Tätigkeit auch während meiner Gremienarbeit bei, um nicht den Kontakt zur Akkreditierungspraxis zu verlieren. Ich habe dann in der Akkreditierungskommission gearbeitet und später den Vorsitz im Fachausschuss übernommen, den ich nun nach zwei Wahlperioden abgebe. Die verschiedenen Tätigkeiten bei ASIIN haben mir unterschiedliche Blickwinkel auf Studienangebote, ihre Qualitätsentwicklung und -sicherung erlaubt. Das war immer interessant und spannend!
Sie sind Professor für Lebensmittelverfahrenstechnik an der Hochschule Neubrandenburg. Was hat Sie dazu bewogen, zusätzlich noch ehrenamtlich die zeitintensive Tätigkeit als Fachausschuss-Vorsitzender zu übernehmen?
Für mich war das eine großartige Aufgabe. Schließlich durfte ich ein breites Spektrum an Studiengängen und Hochschulen, national wie international, kennenlernen!
Ja, der Zeitaufwand war teilweise groß, was vor allem an der geografischen Randlage Neubrandenburgs lag. Ich musste daher meistens größere Strecken zu den ASIIN-Gremiensitzungen auf mich nehmen. Nichts geht aber über den persönlichen Austausch „Face to Face“! Gemeinsame Kaffeepausen sind nicht zu unterschätzen, selbst bei Fachdiskussionen. Ähnliches gilt für Audits. In der Corona-Zeit – und danach in Krisensituationen – waren virtuelle Begutachtungen eine gute Alternative. Ich bin froh, dass ASIIN das ermöglicht. Dennoch: Wenn ich vor Ort an einer Hochschule bin, kann ich leichter „hinter die Kulissen“ blicken und mir ein eigenes Bild machen, anstatt mich von möglicherweise geschönten Berichten und besonders aufbereitetem Bildmaterial blenden zu lassen.
Warum sind die ASIIN-Fachausschüsse wichtig? Welche Rolle spielen sie im Akkreditierungsprozess?
Wir haben die fachlich größte Nähe zu den Studiengängen und ihren Curricula. Unser Fachbereich ist breit gefächert. Wir decken die Ernährungswissenschaft und Lebensmitteltechnologie ebenso ab wie die Land- und Forstwissenschaft.
ASIIN bindet bei der Begutachtung von Studiengängen unterschiedliche Sichtweisen aus Hochschule und Berufspraxis ein. Das ist gut und ergibt ein rundes Bild.
Welche Entwicklungen und Tendenzen beobachten Sie aktuell im Fachbereich der Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften? Gibt es hier nationale oder regionale Unterschiede?
Schon seit langem beobachte ich gerade an deutschen Hochschulen eine wachsende Zahl neuer, sehr spezialisierter Studiengänge. Im Wettbewerb um Studierende setzen die Hochschulen zunehmend auf eng zugeschnittene Programme und Schwerpunkte, um ihre Attraktivität zu steigern. Viele dieser Angebote ließen sich ebenso gut als Vertiefungsrichtung innerhalb etablierter Studiengänge abbilden. Da die Zahl der Studienanfänger ohnehin zurückgeht, ziehen die neuen Programme den bestehenden Studiengängen Studierende ab und erschweren auch die Orientierung für Studienbewerber. Außerdem: Verändern sich technologische Rahmenbedingungen, kann das für einen sehr speziellen Studiengang schnell das Aus bedeuten. Eine solide Grundlagenausbildung im Fach bietet dagegen eine tragfähige Basis, auf der Absolventen sich im Berufsleben jederzeit weiter spezialisieren können.
Thematisch stehen bei den Studiengängen des Fachausschuss 08 die Herausforderungen des Klimawandels, die Ernährungssicherheit, die gesunde Ernährung sowie Ökologie und Nachhaltigkeit im Vordergrund. In Indonesien befassen wir uns beispielsweise gerade sehr mit der Aquakultur, die einen starken Einfluss auf die Ökologie hat.
Vieles hängt einfach zusammen: Durch die weltweit starke Nachfrage nach Palmöl entstehen Monokulturen. Die Abholzung intakter Wälder zerstört Lebensräume und wichtige Wasserspeicher, eine Entwicklung, die zu extremen Wetterereignissen beitragen kann, die wiederum unsere ökologischen Systeme belasten – und damit Land- und Forstwirtschaft.
Ein ASIIN-Fachausschuss setzt sich aus Hochschulvertretern, Vertretern der Berufspraxis, der Studierendenschaft und einem Beigeordneten zusammen. Warum ist diese Mischung Ihrer Meinung nach wichtig? Welche Chancen und Herausforderungen bringt sie mit sich?
Ich hatte schon über die wichtigen Perspektiven gesprochen, die jeder bei ASIIN einbringt. Die Chance für Hochschulvertreter liegt darin, die „eigene Blase“ zu verlassen und den Blick auf die Anwendung der Inhalte im Arbeitsmarkt zu schärfen. Der Brückenschlag zur Praxis funktioniert aber auch in die andere Richtung bestens. Wir profitieren alle voneinander! In vielen Verfahren wäre es sogar vorteilhaft, wenn ein noch breiteres Fachspektrum aus der Praxis vertreten wäre, als dies möglich ist. So stellt bei einem Studiengang der Land- und Forstwirtschaft der Vertreter eines Naturschutzverbands eher ökologische Fragen, der Landwirt oder Forstbesitzer hingegen priorisiert in der Regel Rentabilität und Gewinn. Beide Stimmen sind aber bei der Betrachtung wichtig und sollten bestenfalls berücksichtigt werden.
Gibt es etwas Besonderes, das Ihnen aus Ihrer ASIIN-Zeit in Erinnerung bleibt?
Da gibt es einiges, das mich schmunzeln lässt: Zuallererst ein Aprilscherz von Herrn Wasser, auf den viele Gutachter hereingefallen sind. Er hatte nämlich verkündet, dass man für ein besonderes Verfahren im Ausland dringend Gutachter benötigte.
Und dann gibt es oft eine besondere Dynamik in den Sitzungen der Akkreditierungskommission: Man befasst sich mit komplexen Verfahren und beschließt, das scheinbar unkomplizierte noch kurz vor der Pause abzuschließen. Ausgerechnet dieses Verfahren sprengt dann den gesamten zeitlichen Rahmen!
Und aller guten Dinge sind drei: In einem Verfahren gab es Bedenken gegenüber einem Studiengang, der sich angeblich auch mit Sprengstofftechnologie befasste. Dies sorgte für aufgeregte Reaktionen, konnte aber zum Glück schnell aufgeklärt werden. Unglückliche Hin- und Rückübersetzungen hatten das Missverständnis nämlich verursacht: Es ging um Sprengtechnik, ein selbstverständlicher Bestandteil des Studiengangs Bergbau.
Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach ASIIN? Bleiben Sie ASIIN verbunden?
ASIIN erlaubt nur jeweils zwei Wahlperioden in den Gremien. Ich bleibe ASIIN in jedem Fall in den nächsten Jahren noch als Gutachter verbunden. Dass ich mich irgendwann ganz verabschiede, habe ich mir selbst eingebrockt: Ich hatte vor vielen Jahren an der strategischen Entscheidung mitgewirkt, dass man spätestens fünf Jahre nach Dienstende an einer Hochschule nicht mehr als Begutachtender tätig sein soll, denn dann hat man sich schon zu weit vom eigenen Fach entfernt. Auch wenn es mir später schwerfallen wird, finde ich diese Entscheidung nach wie vor richtig.
Ein abschließendes Wort: Was wünschen Sie dem Fachausschuss 08?
Ich wünsche meinen Nachfolgern alles Gute und drücke auch die Daumen dafür, dass wir weiterhin fähige Gutachterinnen und Gutachter gewinnen. Mit der Besoldungsreform ist für die Professorinnen und Professoren der Druck gestiegen, sich um Forschungsgelder zu kümmern, während die Zeit für ein Ehrenamt geringer geworden ist. Ich persönlich habe es aber immer als Bereicherung empfunden, die Ausbildung und Zukunftschancen junger Menschen mitgestalten zu dürfen.
Sie möchten sich ebenfalls bei ASIIN engagieren?
Ob als Gutachterin oder Gutachter, in einem Fachausschuss, in der Akkreditierungs- oder Zertifizierungskommission, im Beschwerdeausschuss oder im Ethik- und Wirtschaftsbeirat – wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme: info@asiin.de